Requiem auf eine Oper [2006]

Abdrucke

 

Über ihr Libretto zur geplanten (und nicht realisierten) Oper

Der Fall Hans W.

mit Musik von

Ol­ga Neu­wirth.

Über das im Text thematisierte Begehren, das Spannungsverhältnis von Sprechen und Schweigen sowie über die

Mu­sik

und deren Funktion bei der künstlerischen Verarbeitung des Falls des Klagenfurter Pädiatrie-Professors Franz Wurst, der wegen Kindesmissbrauchs zu 17 Jahren Haft verurteilt wurde. Näher eingegangen wird auch auf die Bezüge der Oper zu Mozarts Don Giovanni.

 

Ich habe mich im Libretto „Der Fall des Hans W.“ für das Sprechen über das Schweigen entschieden. Und die Musik sollte nicht mit sich reden lassen, sie sollte sprechen (wenigstens sprechen lassen hätte man sie sollen!). Olga Neuwirths Musik hätte am allerwenigsten mit sich reden lassen. Der Musik ist es egal, wen sie verführt, und darin ist die Musik selbst ein Don Juan. Denn wenn das Sinnliche spricht, dann spricht es Musik, und wenn Musik vom Sinnlichen spricht, dann spricht sie von sich selbst. Musik spricht immer von sich selbst, während die Stille schon lange nicht mehr schweigt. Die Zeiten sind vorbei, da Kunst sich durch Schweigen geäußert hat. Heute schreien auch Bilder und Skulpturen, die immer ihre Ersparnisse zusammenkratzen müssen, um gesehen werden zu können, und bereit sein müssen, sich jeden Augenblick zu vergeuden. Don Juan, der ewig Redende, hier als der ewig Verschweigende (als Musik selbst, selbst Musik), bis zum Stillen nicht des Kindes (das Kind wird vorher noch gebraucht, das heißt in diesem Fall des Hans W.: mißbraucht), sondern bis zum Stillsein, was wieder ein fortdauerndes Sprechen, Schreien, Singen, Brüllen nach sich zieht.

aus: Elfriede Jelinek: Requiem auf eine Oper. https://original.elfriedejelinek.com/fhwurst.html (13.1.2026), datiert mit 26.3.2006 (= Elfriede Jelineks Website, Rubriken: Archiv 2006, zu Politik und Gesellschaft).

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Essayistische Texte, Reden und Statements