Tränen um eine Hure (Lágrimas por una puta, o. J.)

Cover des Sammelbands, 1986

Abdrucke

 

Car­los Rig­by

, geboren 1945 in Laguna de Perlas bei Bluefields als Angehöriger der schwarzen Bevölkerungsminderheit, weigerte sich lange Zeit, seine Texte zu publizieren, und wurde vor allem durch seine Auftritte und die Lesungen seiner Gedichte bekannt.

Jelineks Übersetzung von

Car­los Rig­bys

Gedicht Lágrimas por una puta erschien 1986 in der zweisprachigen Anthologie Unter dem Flammenbaum. Die Anthologie versammelt neben den Werken renommierter SchriftstellerInnen aus Nicaragua auch im Rahmen von Dichterwerkstätten entstandene Gedichte. Jelinek erstellte die Übersetzung auf Basis von Vorarbeiten des Journalisten

Wer­ner Hört­ner

. Das Gedicht ist als Anrede an ein als „Bruder“ und ein als „Hure“ bezeichnetes „Du“ konzipiert und thematisiert weibliche

Pro­sti­tu­ti­on

und männliche

Ge­walt

, wobei auf die Passage „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie“ (Joh. 8,7) aus dem Johannesevangelium angespielt wird. Der Sprachrhythmus, die Satzkonstruktionen und die unterschiedlichen Einrückungen der einzelnen Verszeilen wurden in der Übersetzung beibehalten.

 

Carlos Rigby
Nachdichtung von Elfriede Jelinek
Tränen um eine Hure

Bruder
           sie sei alles was du willst
ABER sie hat eine Spalte
zwischen ihren Beinen genau wie deine Mutter
           aber
                 wenn es schon so schlimm ist
und du hast Lust auszuspucken
                                 spuck aus
...ich hab ja nur so geredet, Freund
und nun rede ich mit dir, Hure;
                                                      ich möchte
mit einem einzigen Erdbeben meines Körpers
das Gebäude deines Geschlechts zum Einsturz bringen
                      dir alles abreißen
bis eine bloße Ruine Frau-Hure übrigbleibt
bis nichts mehr als
                            Staub auf Staub von dir bleibt
zur Geschichte deines Lebens im Orgasmus!
                           und
in einem einzigen Manns-Akt
für immer deinen Namen
zwischen den roten Laternen deiner „Zone“ auslöschen
und dann mit einer verzweifelnden Kleinkinder-Geste
dir von den Wurzeln her
alle Tränen deines Weltkarten-Schoßes trocknen
dir dann dein Geld zahlen –
dich Schein um Schein bezahlen
dich bezahlen, damit DEIN Kind auf die Welt kommen kann
mir daraufhin die Hosen anziehen
vor dem Spiegel deines Zimmers
als ob meine Mutter keine Frau wär
und vor dem Weggehen
noch alle meine Sachen einsammeln:
                      die vom Schweiß zerbrochenen Knöpfe
                      die mir in die Pfütze
                      deines Nabels gefallen sind
die Bruchstücke meines Namens, die in deinem Leib gestockt
sind
und all die schmutzigen Tücher unter dem Polster:
der letzte deiner Besatzer sein
beim Verlassen
                            des Territoriums deines Körpers –
und ihn dir rein zurücklassen:
der ganze Abfall
                            der deinen Namen bedeckt hat
liegt nun völlig in Schutt und Asche
und dort
wo der meiste Samen hingefallen ist
                           in deinen 170
                                 57 kg
                           89-69-93
                           möge Gott seinen Tempel bauen...
und bevor ich für immer & einen Tag gehe
dir zur Erinnerung
                                diese Bibel lassen
angestrichen und die Ecke umgebogen
                      da gibts eine gewisse Stelle
im Evangelium des heiligen Johannes
Kapitel 8 Vers 7.

aus: Carlos Rigby: Tränen um eine Hure. Ü: Elfriede Jelinek. In: Grazer Autorenversammlung / Verein Slowenischer Autoren Österreichs (Hg.): Unter dem Flammenbaum. Gedichte aus Nicaragua. Wien: Europaverlag 1986, S. 72-73.

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